alt

Whistleblowerpreis 2005

2005          Prof. T.A. Postol und Dr. A. Pusztai               

Der Physiker Theodore A. Postol vom renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Camebridge, USA, kritisiert seit Jahren das amerikanische Raketenabwehrprogramm (GMD) und bezichtigt in diesem Zusammenhang das Lincoln Laboratory des MIT des Wissenschaftsbetrugs sowie das MIT selbst der Vertuschung. Postol äußert seine wissenschaftliche Kritik und seine Warnungen sowohl in Fachkreisen wie auch in den Medien. Er hat damit unter Kollegen und in einer breiteren Öffentlichkeit ernsthafte Zweifel an Sinn und Funktionsfähigkeit der US-amerikanischen Raketenabwehrpläne wie auch an dem zugrunde liegenden militärisch-technischen Sicherheitsverständnis geweckt. Er trägt fortlaufend zur Delegitimierung eines Waffensystems bei, dessen Einführung weitere atomare Aufrüstung in anderen Staaten zur Folge hätte. Mit seiner Kritik an der Vertuschungsstrategie der MIT-Führung hat er darüber hinaus die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Problematik militärischer Geheimforschung an Universitäten gelenkt.

Der Biochemiker Arpad Pusztai leitete in den 1990er Jahren ein dreijähriges, regierungsfinanziertes Großprojekt am Rowett Research Institute, Aberdeen. Mit 35 Jahren Berufserfahrung und 270 internationalen Veröffentlichungen war er ein führender Experte auf dem Gebiet der Lectine, als er bei Fütterungsversuchen mit gentechnisch veränderten Kartoffeln an Ratten Schäden am Immunsystem und Wachstumsstörungen verschiedener Organe feststellte. Er machte diese gänzlich unerwarteten Beobachtungen auf der Basis vorläufiger Ergebnisse öffentlich - aus Besorgnis über eine mögliche Zulassung gentechnisch veränderter Nahrungsmittel. Das führte zu seiner sofortigen Entlassung. Trotz späterer Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse im angesehenen Fachjournal "The Lancet" wurde die Untersuchung bis heute nicht wiederholt.

Seit seiner Entlassung setzt sich Pusztai weltweit dafür ein, dass die Sicherheit gentechnisch veränderter Organismen (GVO) mit den angemessenen wissenschaftlichen Methoden geprüft wird. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Risiko- und Sicherheitsforschung zu GVO von Teilen der Wissenschaft, der Politik und der Öffentlichkeit zunehmend kritisch hinterfragt wird.

erschienen 2006 in der VDW-Schriftenreihe "Wissenschaft in der Verantwortung" , 158 S., kart., 12 s/w Abb., dt./engl.  ISBN 978-3-8305-1262-2

download ( pdf)

Prof. Theodor A. Postol und Dr. Arpad Pusztai sind die Träger des Whistleblower-Preises 2005. Er wurde ihnen am 15.Oktober 2005 im Rahmen des internationalen Berliner Kongresses “Einstein - weiterdenken” verliehen. Der Whistleblower-Preis wurde gemeinsam von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) und der Deutschen Sektion der IALANA gestiftet.

Im Rahmen einer eindrucksvollen Feierstunde, zu der mehr als 250 Gäste in der Berliner "Urania" erschienen waren und die durch die Geschäftsführerin der VDW Annegret Falter eröffnet wurde, stellten zunächst Dr. Götz Neuneck (Hamburger Institut für Friedens- und Sicherheitspolitik) und Dr. Beatrix Tappeser (Bundesamt für Naturschutz) die beiden Preisträger und die durch ihr Whistleblowing ausgelösten Konflikte vor.

Prof. Theodore A. Postol, Massachusetts Institute of Technology (MIT), Camebridge/Mass., USA

Der Physiker Ted Postol vom renommierten MIT kritisiert seit Jahren das amerikanische Raketenabwehrprogramm (NMD) und bezichtigt in diesem Zusammenhang das Lincoln Laboratory des MIT des Wissenschaftsbetrugs sowie das MIT selbst der Vertuschung. Postol äußert seine wissenschaftliche Kritik und seine Warnungen sowohl in Fachkreisen wie auch in den Medien. Er hat damit unter Kollegen und in einer breiteren Öffentlichkeit ernsthafte Zweifel an Sinn und Funktion der US-amerikanischen Raketenabwehrpläne wie auch an dem zugrunde liegenden militärisch-technischen Sicherheitsverständnis geweckt. Seine Forschungsergebnisse und öffentlichen Stellungnahmen haben in erheblichem Maße zur Delegitimierung eines Waffensystems beigetragen, das im Falle seiner Realisierung in zahlreichen Staaten eine gravierende weitere (atomare) Aufrüstung zur Folge hätte. Mit seiner Kritik an der Vertuschungsstrategie der MIT-Führung hat er darüber hinaus die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Problematik (militärischer) Geheimforschung an Universitäten gelenkt.

Dr. Arpad Pusztai, Norwegian Institute of Gene Ecology (GenOk), Tromso, Norwegen

Der Biologe Arpad Pusztai der nach der 1956 erfolgten militärischen Intervention der Sowjetunion aus seinem Heimatstaat Ungarn ins Vereinigte Königreich flüchtete und dort die britische Staatsbürgerschaft erwarb, leitete bis 1998 ein dreijähriges regierungsfinanziertes Großprojekt am Rowett Research Institute in Aberdeen (Schottland/UK). Mit 35 Jahren Berufserfahrung und 270 internationalen Veröffentlichungen war er ein führender Experten auf dem Gebiet der Lectine, als er in den 90er Jahren bei Fütterungsversuchen mit gentechnisch veränderten Kartoffeln an Ratten Schäden an deren Immunsystem und Wachstumsstörungen verschiedener Organe feststellte. Er machte diese gänzlich unerwarteten Beobachtungen auf der Basis vorläufiger Ergebnisse in einem Fernsehinterview öffentlich - aus Besorgnis über eine mögliche Zulassung gentechnisch veränderter Nahrungsmittel. Das führte – aufgrund eines Telefonanrufs des britischen Premierministers Tony Blair beim Institutsdirektor - zu seiner sofortigen Entlassung. Trotz späterer Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse im angesehenen Fachjournal "The Lancet" (http://www.thelancet.com/)

wurde die Untersuchung bis heute nicht wiederholt. Seit seiner Entlassung setzt sich Pusztai weltweit dafür ein, dass die Sicherheit gentechnisch veränderter Organismen (GVO) mit den angemessenen wissenschaftlichen Methoden geprüft wird. Die bisherigen – nahezu ausnahmslos von der einschlägigen Industrie finanzierten – Risikostudien zu GVO kritisiert er als völlig unzureichend. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass die etablierte Risiko- und Sicherheitsforschung zu GVO von Teilen der Wissenschaft, der Politik und der Öffentlichkeit zunehmend kritisch hinterfragt wird (siehe dazu u.a. das Urteil des OVG NRW vom 20.6.05 - Az.: 8 B 940/05 - zum Informationsanspruch der Öffentlichkeit bei gentechnisch veränderten Organismen).

Die Laudatio auf die Preisträger des in diesem Jahr erstmals geteilten Whistleblower-Preises hielt Prof. Dr. Ulrike Beisiegel (Hamburg), die Sprecherin des Ombudsman-Gremiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Die Übergabe des Whistleblower-Preises an Prof. Dr. Ted Postol und Dr. Arpad Pusztai erfolgte durch Rechtsanwalt Otto Jäckel (IALANA)

In ihren Dankesworten brachten die Preisträger ihre Enttäuschung darüber zum Ausdruck, wie schnell und in welchem Ausmaß sie nach ihrem "Alarmschlagen" und der damit verbundenen Kritik am "Mainstream" von wichtigen Teilen der wissenschaftlichen Community ausgegrenzt worden seien.

Dr. Arpad Pusztai hob hervor, die erfahrene Solidarität aus dem nationalen und internationalen Kollegenkreis sei für ihn sehr bedeutsam gewesen, um überleben zu können. In den Konflikten sei es letztlich um den freien Diskurs in Wissenschaft und Gesellschaft gegangen. Wer betrügerisches Verhalten in der Wissenschaft nicht beim Namen nenne und nicht gegen die Behinderung von kritischer Forschung auftrete, verstoße gegen die Gebote wissenschaftlicher Ethik und handle unmoralisch.

Prof. Theodore A. Postol hob in seinem bewegenden Statement hervor, dass in den USA die Verbreitung von Unwahrheit und Lüge durch staatliche Stellen bis hin zum Präsidenten George W. Bush immer weiter um sich greife, gerade auch in den Bereichen von Wissenschaft und Forschung. Er sei überzeugt, dass dem nur durch zivilgesellschaftliches Engagement Einhalt geboten werden könne. Die erfahrene internationale Anerkennung und Solidarität sei dabei von großer Bedeutung. Er werde in seinem Engagement nicht nachlassen. Nach seiner Ehrung in Berlin werde er nach Pakistan und Indien weiterreisen, um sich dort gegen die Raketen-Aufrüstung beider Länder zu engagieren und um in diesen beiden Atomstaaten vor dem Raketenabwehrschirm zu warnen, den die USA dort zu vermarkten begonnen hätten.

Die Preisträger stehen für die Vielzahl oft unbekannt bleibender Whistleblower weltweit, die im Sinne des Gemeinwohls auf grobe Missstände, gravierende Rechtsbrüche und/oder schwere Risiken und Gefahren für gewichtige Rechtsgüter hinweisen. Mit den bisherigen Preisträgern, dem russischen Ex-Kapitän Alexander Nikitin (Russland), der Tierärztin Dr. Margret Herbst (Deutschland), dem Ökonomen und Publizisten Dr. Daniel Ellsberg (USA), dem Physiker Prof. Ted Postol (USA) und dem Biochemiker Dr. Arpad Pusztai (UK) hat er sich als „der“ internationale Whistleblower Preis etabliert. 1999, als in Großbritannien das

richtungsweisende Whistleblower Schutzgesetz, der Public Interest Disclosure Act, in Kraft trat, haben wir den Whistleblower Preis zum ersten Mal verliehen, seither alle zwei Jahre.

In Deutschland fehlt nach wie vor ein spezifischer Schutz für Whistleblower.

Aber auch in anderen Ländern besteht dringender Reformbedarf. Bestürzenderweise sind drei der bisherigen Preisträger in Ländern tätig, die immerhin über Gesetze verfügen, die einen wirksamen Mindestschutz für Whistleblower gewähren sollen. Wir hoffen, bis zur Verleihung des nächsten Whistleblower Preises im Jahre 2007 Verbesserungen berichten zu können.

Zum Seitenanfang