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In Erinnerung an Hans Peter Dürr:

*Ein Kämpfer ist von uns gegangen*

Am 7. Oktober hätten wir seinen 85. Geburtstag gefeiert, dieses müssen wir nun ohne ihn tun. Am 18. Mai 2014 verstarb Hans-Peter Dürr.

Ein Kämpferherz hat aufgehört zu schlagen. Vieles verbinden wir mit seinem intensiven, ja rastlosen Leben: Ein großartiger kritischer Physiker, der sich und seine Wissenschaft immer wieder selbstkritisch und reflektierend hinterfragt hat, der die Erkenntnis der Grenzen des Planeten Erde auch als die Anforderung an Wissenschaft und Forschung verstanden wissen wollte, der unermüdlich für ein Paradigmenwechsel auch in der Wissenschaft eintrat.

Grenzen waren für ihn etwas ungeheuer Wichtiges, sie zu erkennen und nach ihnen zu leben sein Plädoyer; Maß halten und den Frieden mit der Natur zu suchen seine leidenschaftlich vorgetragene Forderung: "Unser Lebensstil in der westlichen Welt -- auf alle übertragen -- würde die Erde bei weitem überfordern, dazu bräuchten wir mindestens fünf neue Erden"

Diese Erkenntnis veranlasste ihn zu einer radikalen grundsätzlichen Kritik am westlichen kapitalistischen System. Diese Kritik brachte er immer wieder -- vor -- oft kontrovers - auch und besonders in einer Zeit nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes, als viele schon das Ende der Geschichte nahen sahen. Er wusste, solange die Natur so ausgebeutet und zerstört wird, ist ein friedliches harmonisches Leben nicht möglich. Deshalb war er grundsätzlicher Gegner der Atomenergie und ein Streiter für die Energiewende hin zu den Erneuerbaren -- besonders als solche Position noch nicht populär war.

Gegen den Strom zu schwimmen, zeichnete ihn aus.

Frieden -- das war sein Lebenselixier, seit er als junger Mensch die Bombennächte von München überlebte. Für den Frieden engagierte er sich als junger Student im leidenschaftlichen Streit mit dem Atombombenbauer E. Teller. Atomaffen abschaffen -- immer wieder hat er diese Forderung wiederholt und dafür gestritten, diesenWeg unbeirrbar weiter zu gehen. Allen Widerständen zum Trotz. Das wahnwitzige SDI-Programm eines Ronald Reagans hat er mitverhindert. Ihm gelang seine eigene Prophezeiung: lasst uns SDI zu einem "dirty word" machen. Dafür wurde er mit dem Right Livelihood Award ausgezeichnet (dem Alternativen Nobelpreis). In der Begründung für diesen Preis heißt es "in Anerkennung seiner fundierten Kritik der strategischen Verteidigungsinitiative und seiner Arbeit, hochentwickelte Technologien zu friedlichen Zwecken nutzbar zu machen" erhält Hans Peter Dürr diesen Preis.

Krieg war ihm ein Graus. Deswegen engagierte er sich für die zivile Konfliktbearbeitung, für die Friedenswissenschaft und war ein konsequenter Gegner der Interventionspolitik auf beiden Seiten des Atlantiks.

Für den Frieden zu streiten, dafür war ihm keine Veranstaltung zu klein, keine Reise zu weit. Er war bei den großen Friedensdemonstrationen der Friedensbewegung (oft als begeisternder Redner) ebenso dabei, wie bei den Friedenskongressender Naturwissenschaftler ("Mainzer 23") oder bei den Veranstaltungen zur Münchner Sicherheitskonferenz. Diese Aktivitäten setzte er als Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, als Beiratsmitglied der Naturwissenschaftlerinitiative Verantwortung für den Frieden, im Rahmen von Pugwash International und vielen anderen Organisationen intensiv fort. Dabei scheute er nie die Mühen der Ebenen, die tagtägliche oft frustrierende Kleinarbeit.

Weltweit und in unserem Land war seine Vernetzung einzigartig -- in der Zivilgesellschaft, in der Politik und auch mit der Wirtschaft. Folgerichtig wurde er einer der Berater von Michael Gorbatschow, der allen Widerständen zum Trotz (und letztendlich trotz seines Scheiterns) maßgeblich zur Überwindung der Ost-West Konfrontation, des Kalten Krieges beitrug.

Er wollte die Kontroverse und überzeugen, Mitstreiterinnen und Mitstreiter für die großen Herausforderungen Frieden, Gerechtigkeit und Überleben des Planeten gewinnen.

Es ist ihm gelungen. Wir werden seine Arbeit fortsetzen, wir werden uns an vieles von ihm immer wieder erinnern: seine plastischen Beispiele, seine bildhafte Sprache, seine Überzeugungskraft, seine Ausdauer.

Lieber Peter, in diesem Sinne machen wir weiter. Du wirst uns fehlen.


Berlin, den 19.05.2014 Reiner Braun

(Reiner Braun, Geschäftsführer der IALANA,bis Februar 2014 Geschäftsführer der VDW. Er hat in vielfältigen Funktionen und Projekten mit Hans-Peter Dürr zusammengewirkt.)

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