Informationen zum Whistleblower-Preis

Die deutsche Sektion der IALANA hat zusammen mit der Vereinigung deutscher Wissenschaftler (VDW) den Whistleblower-Preis gestiftet. Er wird seit 1999 alle zwei Jahre vergeben.

Der Begriff „Whistleblower“ kommt ursprünglich aus den USA. Er wurde dort erstmals in den Medien in den 1960er Jahren benutzt, als ein Regierungsangestellter geheime Dokumente an einen Senats-Unterausschuss für innere Sicherheit weitergegeben hatte, um Rechtsverstöße und Missstände im Regierungsapparat aufklären zu helfen. Seit Jahren ist er in den USA und anderen Ländern in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Zwischenzeitlich ist er auch in Deutschland weithin gebräuchlich geworden. Das Wort „Whistleblowing“ lässt sich am besten mit „Alarm schlagen“ übersetzen.

Whistleblower sind Menschen mit Zivilcourage. Sie schlagen Alarm, wo es nötig ist. Sie nehmen illegales Handeln, Missstände oder Gefahren für Mensch und Umwelt, Demokratie, Frieden und andere wichtige Gemeingüter nicht länger schweigend hin, sondern decken auf.

Sie tun dies intern innerhalb ihres Betriebes, ihrer Dienststelle oder Organisation oder auch extern gegenüber den zuständigen Behörden, Dritten bzw. der Presse. Whistleblower handeln zum Wohl der Gesellschaft und leisten einen Beitrag zum offenen Diskurs. Whistleblower folgen ihrem Gewissen, tun oft nur ihre Pflicht – auch dann, wenn es unbequem für sie werden kann. Whistleblower gehen häufig ein hohes Risiko ein, sie setzen ihren Ruf und ihre Existenz aufs Spiel. Oft werden sie von jenen unter Druck gesetzt, die unbequeme Wahrheiten vertuschen wollen.

Zivilcourage zu zeigen, setzt auf der individuellen Ebene vieles voraus: einen kritischen und wachen Verstand, Charakterstärke, Mut, Offenheit, Konfliktbereitschaft und vor allem einen kultivierten Umgang mit der eigenen Angst. Zivilcourage hat wichtige soziale und gesellschaftliche Voraussetzungen. Ohne soziale Anerkennung, ohne Ermutigung, ohne solidarischen Zuspruch steht der/die Whistleblower/in in der latenten Gefahr, zum Nestbeschmutzer, zum Einzelgänger und zum Außenseiter abgestempelt zu werden. An sozialer Isolierung kann er/sie zerbrechen. Andere werden dann ein solches persönliches Schicksal dann noch abschreckender, noch angstmachender finden.

Der Whistleblower-Preis soll eine Form dieses Zuspruchs, dieser Anerkennung, dieser Ermutigung und dieser Solidarität zum Ausdruck bringen, die Bürgerinnen und Bürger mit großer Zivilcourage brauchen, wenn sie die zahlreichen Probleme und Schwierigkeiten im privaten und beruflichen Umfeld sowie die Anfeindungen und Zumutungen im öffentlichen Raum nicht nur auf sich nehmen, sondern auch aushalten und ohne dauerhafte Beschädigung durchstehen wollen. Mit dem „Whistleblower-Preis“ soll signalisiert werden: Wir drücken unsere ganz besondere Wertschätzung für ein Verhalten aus, das primär von gemeinnützigen Motiven, von Gemeinsinn geprägt ist und das in einer für unser Zusammenleben und Überleben bedeutsamen Frage ein großes Maß an Zivilcourage dadurch offenbart, dass der oder die Betreffende Missstände enthüllt, kritisch zu solchen Ereignissen, Vorgängen oder Entwicklungen Stellung genommen, auf nicht tolerable Gefahren und Risiken hingewiesen oder aus Gewissensgründen oder wegen anderer ethischer Bedenken die Mitarbeit an Tätigkeiten oder Entwicklungen abgelehnt und verweigert hat und dabei erhebliche Nachteile oder Gefahren für die persönliche oder berufliche Karriere, für die eigene Freiheit oder gar für das eigene Leben in Kauf genommen hat.

Uns geht es außerdem darum, eine möglichst breite gesellschaftliche Diskussion darüber anstoßen zu helfen, wie wichtig Whistleblower sind. Ihre Kenntnisse als Insider oder ExpertInnen und ihre uneigennützige mutige Bereitschaft, Alarm zu schlagen, stellen häufig die einzige Möglichkeit dar, in staatlichen Bürokratien, in der Wirtschaft, in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, aber auch in den internationalen Beziehungen grobe Missstände und Fehlentwicklungen aufzudecken und noch zu korrigieren.

Schließlich wollen wir deutlich machen: Whistleblower müssen besser geschützt werden - rechtlich, aber auch durch eine entsprechende Infrastruktur in den Betrieben, Forschungseinrichtungen und Verwaltungen. Wichtig sind auch Journalistinnen und Journalisten, die Whistleblower zu Wort kommen lassen, über deren wichtige Rolle berichten, Verantwortliche zu Stellungnahmen drängen und kritisch nachfragen.

Mit dem Whistleblower-Preis werden Persönlichkeiten ausgezeichnet, deren Verhalten (»Whistleblowing«) folgende vier Kriterien erfüllt:

(1) Brisante Enthüllung über Missstand (»reveiling wrongdoing«)

Der/die Whistleblower/in deckt im eigenen Arbeitsumfeld oder Wirkungskreis gravierendes Fehlverhalten, schwerwiegende Missstände oder Fehlentwicklungen auf, die mit erheblichen Gefahren oder Risiken für Leben, Gesundheit, die nachhaltige Sicherung und Entwicklung der Ökosysteme, die Demokratie oder das friedliche Zusammenleben der Menschen verbunden sind oder jedenfalls verbunden sein können. Er/sie trägt dazu Daten und Fakten zusammen, analysiert diese kritisch, wägt Gegenargumente ab, sucht nach Abhilfe und weigert sich, an diesen Missständen und Fehlentwicklungen selbst (weiterhin) mitzuwirken, diese zu decken oder sich zum Komplizen machen zu lassen. Sein/ihr Verhalten kann auch darin bestehen, dass er/sie eine (weitere) Mitwirkung oder Mitarbeit an dem in Rede stehenden Projekt oder Vorhaben, zu der er/sie vertraglich oder gesetzlich an sich verpflichtet ist, ablehnt und dadurch den Sachverhalt öffentlich macht.

(2) Alarmschlagen (»going outside«)

Ein solches Alarmschlagen erfolgt im Regelfall zunächst intern, also im persönlichen oder beruflichen Wirkungskreis des Whistleblowers (»internes Whistleblowing«). Wird sein internes Alarmschlagen unterdrückt und/oder bleibt es wirkungslos, wendet er sich an Außenstehende oder an die Öffentlichkeit, namentlich an Aufsichtsbehörden, Ombudsleute, Abgeordnete, Berufsverbände/Gewerkschaften, Journalisten und Massenmedien etc. (»externes Whistleblowing«).

(3) Am Gemeinwohl orientiert (»serving the public interest «)

Das Alarmschlagen erfolgt primär aus Motiven, die am Schutz gewichtiger Rechtsgüter (Leben, Gesundheit, friedliches Zusammenleben der Menschen, Demokratie, nachhaltige Sicherung und Entwicklung der Ökosysteme, etc.) orientiert sind. Der/die Betreffende erstrebt und erreicht mit seinem/ihrem Whistleblowing keine wirtschaftlichen Vorteile für sich oder ihm/ihr Nahestehende.

(4) Inkaufnahme schwerwiegender Nachteile (»risking retaliation«)

Dabei nimmt der/die Whistleblower/in in Kauf, dass sein/ihr Alarmschlagen mit erheblichen Risiken und/oder Nachteilen für die eigene berufliche Karriere oder die persönliche Existenz (oder die von Angehörigen etc.) verbunden ist.

Die beiden gemeinnützigen Stifterorganisationen VDW und IALANA haben eine Auswahl-Jury eingesetzt, die die Aufgabe hat, aus den eingehenden Vorschlägen und in eigener Verantwortung im Einvernehmen mit den beteiligten Organisationen den/die Preisträger/in zu bestimmen. Der Jury gehören zurzeit an: als Koordinator Dr. Dieter Deiseroth (Richter am BVerwG a.D.) sowie Prof. Dr. Hartmut Graßl (ehem. Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie an der Uni Hamburg), die Agrarökologin Dr. Angelika Hilbeck (ETH Zürich), Rechtsanwalt Gerhard Baisch und die Jura-Studentin Juliane Drechsel-Grau.

Die bisherigen Preisträger sind:

1999 Alexander Nikitin (ehem. U-Boot-Kapitän und Inspektor für Atomsicherheit)
2001 Tierärztin Dr. Margrit Herbst
2003 Dr. Daniel Ellsberg (Ökonom im US-Pentagon und in der RAND-Corporation)
2005 Physiker Prof. Theodore A. Postol | Biochemiker Dr. Arpad Puztai
2007 Altenpflegerin Brigitte Heinisch | Biologin Dr. Liv Bode
2009 Steuerfahnder Rudolf Schmenger | Steuerfahnder Frank Wehrheim
2011 Anonymus/US-Soldat Chelsea Manning | Chemiker Dr. Rainer Moormann
2013 US-Geheimdienst-Angestellter Edward Snowden
2015 US-Drohnenpilot Brandon Bryant | Mikrobiologe Prof. Gilles-Eric Séralini |
Physiker Dr. Léon Gruenbaum

Weitere Informationen zum Whistleblower-Preis und Whistleblower-PreisträgerInnen finden Sie auf:

http://www.vdw-ev.de/whistleblowing/ sowie http://www.ialana.de/arbeitsfelder/whistleblowing/whistleblower-preis

 

Die Whistleblower-Preisverleihung wird seit Beginn in Buchform dokumentiert. Die bisher erschienenen Dokumentationen der Whistleblower-Preisverleihungen sind:

Dieter Deiseroth, Dietmar Göttling (Hrsg./Ed.)
Der Fall Nikitin. The Nikitin Case.
Eine Dokumentation zur Verleihung des Whistleblowerpreises 1999
Vorwort von Bundesverfassungsrichter Dr. Jürgen Kühling
G. Emde Verlag Pittenhart, 2000, ISBN 3-923637-56-X

Dieter Deiseroth (Hrsg.)
Whistleblowing in Zeiten von BSE
Der Fall der Tierärztin Dr. Margrit Herbst (Whistleblowerpreisträgerin 2001)
2001, 252 S., kart., 20,– Euro, ISBN 978-3-8305-0258-6

Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.)
Whistleblowerpreis 2003 – Daniel Ellsberg
2004, 65 S., kart., dt./engl., 9,80 Euro, ISBN 978-3-8305-0973-8

Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.)
Whistleblower in Gentechnik und Rüstungsforschung
Preisverleihung 2005 – Theodore A. Postol, Arpad Pusztai
2006, 158 S., 12 s/w Abb., kart., dt./engl., 17,90 Euro, ISBN 978-3-8305-1262-2

Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.)
Whistleblower in Altenpflege und Infektionsforschung
Preisverleihung 2007 – Brigitte Heinisch, Liv Bode
2007, 80 S., 17 s/w Abb., kart., 9,80 Euro, ISBN 978-3-8305-1455-8
eBook PDF 9,80 Euro, ISBN 978-3-8305-3-2147-1

Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.)
Whistleblower in der Steuerfahndung
Preisverleihung 2009 – Rudolf Schmenger, Frank Wehrheim
2010, 149 S., 58 s/w Abb., kart., 14,80 Euro, ISBN 978-3-8305-1756-6

Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.)
Whistleblowing im nuklear-industriellen Komplex
Preisverleihung 2011 – Dr. Rainer Moormann
2011, 122 S., 11 s/w Abb., kart., 12,80 Euro, ISBN 978-3-8305-3021-3
eBook PDF 10,– Euro, ISBN 978-3-8305-2730-5
Kombipaket Print & E-Book-PDF: 19,– Euro, ISBN 978-3-8305-2731-2

Dieter Deiseroth, Annegret Falter (Hrsg.)
Whistleblower in der Sicherheitspolitik. Whistleblower in Security Politics.
Preisverleihung – Awards 2011/2013: Chelsea E. Mannings und Edward J. Snowden
2014, 234 S., 11 s/w Abb., kart., 26,80 €, ISBN 978-3-8305-3333-7
eBook PDF 20,– €, ISBN 978-3-8305-2950-7

Dieter Deiseroth, Hartmut Graßl (Hrsg.)
Whistleblower Enthüllungen
Whistleblower-Preis 2015: Brandon Bryant, Prof. Dr. Gilles-Eric Séralini, Dr. Léon Gruenbaum

2016, 244 S., 17 s/w Fotos, 5 s/w Abb., kart., dt./engl./frz., 29,80 €, ISBN 978-3-8305-3641-3
eBook PDF 25,90 €, 978-3-8305-2124-2


Die Bücher können über den Berliner Wissenschaftsverlag (bwv [at] bwv-verlag.de, www.bwv-verlag.de) bezogen werden.