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aus: "Sitzt der Westen am kürzeren Hebel?" von Rainer Rupp, in "junge Welt" vom 25.02.2014 

(....) Der hoch industrialisierte Osten ist, gemessen am ukrainischen Durchschnitt, reich, der landwirtschaftliche Westen dagegen größtenteils bettelarm.Laut offiziellen Zahlen des Statistischen Dienstes der Ukraine trägt die im Osten angesiedelte Schwerindustrie mindestens dreimal mehr zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes bei als es die Landwirtschaft und die Kleinbetriebe im Westen tun. So haben Regionen im Osten in der Regel ein weitaus höheres Pro-Kopf-Einkommen. Für das Jahr 2011 werden zum Beispiel 4748 Dollar in der östlichen Region Dniperpropetrowsk, eines der wichtigsten Industriezentren der Ukraine, genannt während das Pro-Kopf-Einkommen in der Region Lwiw im Westen der Ukraine und zugleich politisches Zentrum der Putschisten mit 2312 Dollar weniger als die Hälfte betrug. Die übrigen Westregionen sind noch viel ärmer. Von einigen Ausnahmen um Kiew abgesehen liegt die Mehrheit der größten ukrainischen Unternehmen im Osten.

Es sind Bergbau- und Stahlunternehmen, weiterverarbeitende Betriebe und Energieunternehmen. Sie exportieren hauptsächlich nach Rußland. Durch eine Assoziierung des Landes mit der EU hätten sie am meisten zu verlieren.

Derweil klagte der vom Parlament ermächtigte Übergangspräsident Alexander Turtschinow am Sonntag mit Blick gen Westen: »Die Ukraine hat kein Geld mehr.« Die Lage sei »katastrophal«, die Probleme mit der Zahlung von Renten seien »kollosal« und das Land stünde »vor der Pleite« – was nach den monatelangen Unruhen kein Wunder ist. Politiker in Berlin, Brüssel und Washington haben 20 Milliarden Euro »Hilfe« in Aussicht gestellt, diese jedoch an harte und einschneidende wirtschaftliche Bedingungen geknüpft. Dazu gehört insbesondere, dass unter Aufsicht des Internationalen Währungsfonds die angeblichen »Wahlgeschenke« von Präsident Janukowitsch, nämlich die Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiter und Rentner, im »bewährten« neoliberalen Stil wieder rückgängig gemacht werden sollen.

Da aber der weitaus größte Teil des Reichtums der ukrainischen Nation im östlichen, prorussischen Teil des Landes liegt, müsste sich die dortige Bevölkerung erst einmal der neuen Führung in Kiew, deren westlichen Beratern und den in deren Gefolge auftauchenden »Privatisieren« des noch verbliebenen Volkseigentums beugen. Im Westen sorgt man sich bereits, dass bei ausbleibenden Rentenzahlungen, steigenden Lebensmittelpreisen und unbezahlbarer Energie »der Geist des Maidan schnell verfliegen könnte« (Deutschlandfunk am 24.2.14). (…....)

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