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Spätfolgen der US-Operation "Phantom Fury" im Irak: Leukämie, Mißbildungen, beschädigtes Erbgut

Von Karlos Zurutuza, Falludscha (IPS)  aus: junge Welt, Montag, 23. April 2012


Nadim Al-Hadidi hat aufgehört, die schwer mißgebildeten Neugeborenen zu zählen, die Eltern ins Hospital im irakischen Falludscha bringen. »Allein im Januar hatten wir 672 derartige Fälle«, berichtet der Krankenhaussprecher. »Wir wissen aber, daß es viel mehr sind. Die Eltern schweigen aus Scham, und wenn die Kinder sterben, werden sie in aller Heimlichkeit begraben.« Hadidi projiziert an die Wand seines Büros Bilder seiner Patienten, die sich kaum ertragen lassen: Babys ohne Gliedmaßen, ohne Gehirn, ohne Augen oder mit inneren Organen, die offenliegen. »Die Eltern schwanken zwischen Schuld und Scham und glauben, mit ihnen selbst stimme etwas nicht«, erklärt der Arzt. »Ihnen ist auch nicht geholfen, wenn Gemeindeälteste ihnen einreden wollen, dies sei eine Strafe Gottes.«

Für den Mediziner steht fest, wer diese Katastrophe zu verantworten hat:

»2004 haben die Amerikaner alle Arten von chemischen und Sprengwaffen an uns getestet: thermobare Waffen, weißen Phosphor und bunkerbrechende Bomben und Granaten, die mit abgereichertem Uran (DU) gehärtet sind. Wir waren für sie Laborratten.«

Während des Irak-Kriegs war das 50 Kilometer von Bagdad am Ufer des Euphrat gelegene Falludscha als damalige Rebellenhochburg besonders massiven Angriffen der US-Armee ausgesetzt. Nachdem die Medien weltweit Fotos von vier Söldnern der US-Söldnerfirma Blackwater verbreitet hatten, die in Falludscha ermordet, verstümmelt und an einer Brücke aufgehängt worden waren, gingen die US-Truppen im April mit der »Operation Vigilant Resolve« gegen die Stadt vor, in der damals rund 200000 Menschen lebten. Dabei wurden auch der international geächtete weiße Phosphor sowie Streubomben und Uranmunition eingesetzt. Im Herbst folgte die »Opera­tion Phantom Fury«.

Das Pentagon selbst sprach damals von den schwersten Kämpfen, die eine Stadt seit dem Vietnamkrieg und der Schlacht um Hué (1968) erlebt habe. Die Zahl der Opfer ist bis heute unbekannt, und viele sind noch nicht geboren. Im Juli 2010 veröffentlichte das in der Schweiz erscheinende Fachblatt für Umweltforschung, das Environmental Research and Public Health, einen Bericht über die bei der Zivilbevölkerung von Falludscha aufgetretenen schweren Gesundheitsschäden. Darin heißt es: »Die Zunahmen von Krebs und Leukämie bei Kindern und der Säuglingssterblichkeit ist wesentlich höher als bei den Menschen, die 1945 in Hiroshima und Nagasaki die Bombardierung mit Atombomben überlebt haben.«

Als Chefärztin des Krankenhauses von Falludscha hat die Kinderärztin Samira Alaani in enger Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an einer Studie über die Folgen von Uranbomben teilgenommen. Mehrere in London durchgeführte Tests hatten in den Haaren Betroffener große Mengen von Uran und Quecksilber festgestellt. Daraus ließ sich schließen, daß in Falludscha international geächtete Waffen eingesetzt wurden. Die Lebensdauer von abgereichertem Uran (Depleted Uranium – DU) wird auf 4,5 Milliarden Jahre geschätzt. Aktivisten sprechen von dem »Killer, der niemals aufhört zu morden«.

Weil das bei der Explosion frei werdende Uranoxid Luft, Wasser und die mit der Zeit auch die Nahrungskette verseucht und dem Genfer Abkommen über den Schutz der Zivilbevölkerung in Kriegszeiten widerspricht, fordert die Organisation »Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges« (IPPNW) bislang vergeblich ein weltweites Verbot von Uranwaffen.

 Aus: junge Welt, Montag, 23. April 2012

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