Ein Rückblick auf die Aktionen zum 70. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Faschismus in Berlin

Es waren vielleicht die bewegendsten Eindrücke des 8. und 9. Mai 2015:
zehntausende Menschen, Familien, Junge und Alte, Deutsche und ausländische
MitbürgerInnen zogen stundenlang durch Berlin zu den beiden Mahnmalen im
Tierpark und im Treptower Park.

Sie legten Blumen nieder – „Blumen für den Frieden“. Sie verharrten in Ruhe,
Gedenken sowie Trauer und dachten der Toten des 2. Weltkrieges, sicher
besonders der 27 Millionen Toten der Sowjetunion.

Die Menschen waren aber
auch fröhlich und optimistisch, sie erinnerten sich an die Befreiung Europas
von der Geisel des Faschismus und feierten diesen Sieg der Völker. Eine
tiefe Sehnsucht nach Frieden prägte die stundenlangen Züge von Menschen an
beiden Ehrenmälern. Besorgnis über die  aktuelle Situation prägte viele
Gespräche. Immer wieder wurde betont: Friede und Partnerschaft mit Russland
ist das Unterpfand einer friedlichen Entwicklung in Europa. Eine tiefe
Friedenssehnsucht prägte diese oft spontanen, familiären
Friedensmanifestationen.

Viele – aber lange nicht alle – kamen aus den verschiedenen Ländern der
ehemaligen Sowjetunion. Ausländische KollegInnen, oft aus Ländern, die 1945
noch kolonial unterjocht waren, nahmen aktiv teil.  Bringen Sie einen neuen
Friedenwillen in die deutsche Gesellschaft, werden auch sie aktiver,
engagierter für den Frieden? Gedanken, die einer vertiefenden Diskussion
bedürfen.

Matthias Platzeck sprach am Ehrenmal im Berliner Tiergarten der Initiative
KONTAKTE-KOHTAKTbI und warnt davor, diesen Tag umzudeuten. Wenn schon unsere
östlichen Wertenachbarn sich alle Mühe geben, einige Seiten aus dem
Geschichtsbuch zu zerren, sollten wir [Deutschland] uns der Verantwortung
umso mehr stellen.

Im Treptower Park feierten am 9.5. schon traditionell viele u.a. mit der
VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der
Antifaschistinnen und Antifaschisten) unter dem Motto „Wer nicht feiert, hat
verloren“.

Beeindruckend, vor allem durch die vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
die spontan vorbeikamen und dabei blieben, war das Friedensfestival, das vom
8.-10.5. auf dem Breidscheidplatz mit der Unterstützung der Gemeinde der
Kaiser Wilhelm Gedächtnis Kirche durchgeführt wurde. Tausende
TeilnehmerInnen diskutierten aktuelle friedenspolitische, aber auch
humanistische Herausforderungen und beteiligten sich aktiv und passiv an
vielfältigen kulturellen Aktivitäten. Eine sinnvolle Veranstaltung, gerade
um Interessierte aber noch nicht aktive einzubeziehen und die Gesellschaft
weiterhin für den Frieden zu sensibilisieren.

Über 60 dezentrale Veranstaltungen vervollständigen das Berliner Programm.

Beendet wurden diese vielfältigen Erinnerungs- und Friedensaktionen in
Berlin durch die Demonstration, die von der Berliner Friedenskoordination
organisiert wurde und auf eine breite Unterstützung durch viele
Friedensinitiativen und Organisationen weit über Berlin hinaus stieß. In
ihrem Mittelpunkt standen unter dem Motto „70 Jahre Befreiung – Nein zu
Krieg und Faschismus. Für eine Politik der Verständigung und Konfliktlösung“
die aktuellen friedenspolitischen Herausforderungen.

2.000 Menschen demonstrierten am 10.5. durch Berlin. Ihre zentrale Aussage
war: Wir müssen den Frieden, die Abrüstung und besonders das Nein zum Krieg
gegen die offizielle Politik durch mehr Druck auf der Straße erstreiten. In
den beeindruckenden Worten der 90 jährigen Antifaschistin Erika Baum hieß
es: „Ihr müsst den Frieden fest in Eure Hände nehmen, das ist die Lehre des
8. Mai 1945.“ Peter Sodann, unterstützt von Dieter Dehm, verwies (auch in
sehr persönlichen Erinnerungen) auf die Notwendigkeit der Freundschaft mit
Russland heute und die Zurückweisung der interessensgebundenen Hetze.  Per
Video zugeschaltet, sprach Oskar Lafontaine von der Notwendigkeit, die
Friedensbewegung neu zu entwickeln und zu stärken. Sein Verweis auf den
französischen Sozialisten Jean Jaures unterstrich den untrennbaren
Zusammenhang von Kapitalismus und Krieg. Rolf Becker, Schauspieler und
aktiver Gewerkschafter, verdeutlichte in eindringlichen Worten den
Zusammenhang von Krieg und Faschismus. Antifaschismus ist die Grundlage
allen Friedensaktionen, in Worten und Taten zog sich dieses wie ein roter
Faden durch die Redebeiträgen und die beeindruckenden kulturellen Beiträge
dieser Demonstration.
Deutlich war auf der Demonstration auch die Trennung von allen, die nicht
zur Friedensbewegung gehören.

Diese Demonstration war der Abschluss eines intensiven Aktionswochenendes
der Friedensbewegung – auch in Berlin. 

Ein Satz nur zu den Rechtsradikalen und Faschisten: Die großspurigen
Ankündigungen in Berlin zum 8.5. aufzumarschieren und den Reichstag „zu
stürmen“ waren Luftblasen. Die Anzahl der Rechtsradikalen war minimal. Es
bleibt aber die Notwendigkeit tagtäglicher Aufmerksamkeit – „Wehret den
Anfängen“.

Viele der Aktionen in Deutschland wurden in breiten Bündnissen und
Koalitionen vorbereitet, die oft von der VVN-BdA initiiert wurden. Einen
vollständigen Überblick darzulegen ist uns wenige Tage nach dem 8.5. leider
nicht möglich. Wir verweisen auf die Webseiten der VVN-BdA oder der
Friedenskooperative in Bonn. Wir möchten einige Beispiele kurz skizzieren,
von denen uns Informationen vorliegen.

Frankfurt am Main: Eine Aktionswoche mit dem Abschluss einer Demonstration
zum Römer und einem Konzert prägten die Aktionen in Frankfurt.

Stuttgart: Eine Demonstration am 9. Mai in Stuttgart „Tag der Befreiung.
Unser Auftrag für Demokratie, Solidarität und Frieden“ war der Höhepunkt
vielfältiger Aktionen, die ein breites Bündnis vorbereitete.

Tübingen: Demonstration und Kundgebung prägten auch die Aktionen in der
Universitätsstadt.

Düsseldorf: Ca. 300 TeilnehmerInnen zogen in einer antifaschistischen
Friedensdemonstration, die ein breites Bündnis neben einer ganzen Reihe von
Veranstaltungen vorbereitete, durch Düsseldorf.

Besonders hervorzuheben ist sicher die Demonstration in Bochum, zu der die
neu gegründete Initiative „Gewerkschaftlerinnen und Gewerkschaftler für
Frieden und Solidarität“ am 9.5. nach Bochum aufgerufen hatte. Ca. 500
TeilnehmerInnen folgten diesem Aufruf. In seiner Rede sprach sich das
ehemalige Vorstandsmitglied der IG Metall Horst Schmitthenner eindringlich
für eine engere Zusammenarbeit von Friedens- und Arbeiterbewegung, für eine
friedliche, solidarische und humane Gesellschaft aus.

Viele weitere dezentrale – oft kleinere Aktionen – prägten in zahlreichen
Städten und Dörfern das Bild des 70. Jahrestages der Befreiung. Geprägt vom
Dank an die Befreier und tiefer Sorge um die Bedrohung des Friedens,
besonders durch den Konfrontationskurs des Westens gegenüber der Ukraine,
waren diese Veranstaltungen und Aktionen die Antwort auf die Politik der
Bundesregierung, diesen Tag mehr zur Anklage gegen Russlands als zur
Entwicklung einer Politik des Dialogs und der gemeinsamen Sicherheit
umzudefinieren. Offizielle Feierlichkeiten, z.B. in Städten und Kommunen,
waren eher die Ausnahme, gewerkschaftliches und kirchliches Engagement eher
selten.

In das Bild der Verweigerung des Dankes an die Befreier, passt der
sogenannte „Ball des Heeres“ am 9.5. in Berlin, um den Beitritt der BRD zur
NATO vor 60 Jahren zu feiern. Über 100 Friedenaktivistinnen machten mit
ihrem Protest und besonders mit lauten Trillerpfeifen deutlich, was sie
davon hielten.

Die Gefahr der Uminterpretation des 8. Mai und die vielfältigen Gefahren
eines Geschichtsrevisionismus sind bei vielen offiziellen und medialen
Diskussionen um den 8. Mai deutlicher als zuvor hervorgetreten. Ihnen gilt
es überall entschieden entgegenzutreten, sind sie doch auch untrennbar mit
einer weiteren Militarisierung der Gesellschaft verbunden.

Die aktuellen Kriege und die Gefahren, die von einer Politik der
Konfrontation des Westens gegen Russland ausgehen, sind aktuell drängende
und bewegende friedenspolitische Herausforderungen. Werden wir diesen
Herausforderungen als Friedensbewegung gerecht? Diese Fragen stellen, heißt
sie auch im Zusammenhang  mit den Aktionen um den 8. Mai, angesichts der
doch relativ eingeschränkten Teilnehmerzahlen, mit nein zu beantworten. Ein
Blick in die Geschichte des 50. und 60. Jahrestages der Befreiung zeigt,
dass gerade diese mit großen, eindrucksvollen Demonstrationen unter
Beteiligung der Friedensbewegung verbunden waren. 

Geschichte wiederholt sich nicht, aber wir können möglicherweise aus ihr
lernen, dass wieder mehr und gemeinsame Aktionen sinnvoll wären.

Ein gemeinsamer Artikel von Kristine Karch, International Network of
Engineers and Scientists for Global Responsibility (INES); Reiner Braun,
International Association Of Lawyers Against Nuclear Arms (IALANA); Pascal
Luig, NaturwissenschaftlerInnen-Initiative (NatWiss); Lucas Wirl
NaturwissenschaftlerInnen-Initiative (NatWiss)